Stellungnahme: Wieso ich meinen YouTube-Kanal außer Betrieb nehme

Eine bedrohlich wirkende, englischsprachige E-Mail von YouTube fand ich gestern Abend in meinem Posteingang. Offenbar hat ein mir nicht bekanntes Plattenlabel bei Youtube eine Takedown-Request für mein Video initiiert. Mein Video. Ein Video welches ausschließlich aus dem selbst designten Cover und dem von mir (!) produzierten und komponierten Elektro-Track “Heartbeat” besteht. Fassungslos klicke ich mich durch zu einer Seite, wo man Widerspruch gegen diese “Entscheidung” einlegen kann. Ich “unterschreibe” eine Erklärung, dass sämtliches im Video enthaltene Material mein Eigentum ist. Versichere, dass das Video nicht einmal monetarisiert ist. Zum Schluss klicke ich auf Absenden und werde informiert, dass mein Widerspruch dem “Rechteinhaber” vorgelegt wurde. Dem “Rechteinhaber” meiner Musik.

Durch diese Erfahrung sehe ich mich nunmehr verpflichtet, das Medium YouTube in Zukunft für musikalische Projekte zu meiden. Meiner moralischen Akzeptanz entzieht sich die Praxis, Konzernen das Recht zu geben, mit dem Damoklesschwert der buchstäblichen Stummschaltung kleine und unabhängige Künstler zu unterdrücken. Meine kreative Arbeit wird durch diese(s) Unternehmen mit Füßen getreten, und das betrifft nicht nur mich sondern hunderte andere Musiker, deren Videos durch Plattenkonzerne stummgeschaltet werden. Mein Track weist nicht einmal Ähnlichkeiten mit dem angeblich geklauten Song auf! Hier wird eindeutig die Macht des “Bannhammers” gnadenlos ausgekostet und Geld und Macht triumphieren erneut über die Kreativität und tagelange Arbeit einzelner, unabhängiger Künstler, die sich statt der ewigen Profitgier dem Schaffen von Kunst zum Ausdruck von Gefühlen verpflichtet haben. Mein Rückzug von YouTube als einzelner kleiner Musikproduzent, noch dazu ohne Reichweite, ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein der ewigen und ermüdenden Diskussion um Urheberrechte im Internet, insbesondere in Deutschland, dem Land in dem man für gut 10 Jahre keine Musik auf YouTube hören konnte, da sich GEMA und Google nicht einig wurden – Als einzige Verwertungsgesellschaft der Welt beharrte die GEMA auf einer Pro-Klick-Zahlung für Musikvideos, was YouTube Deutschland über kurz oder lang in die Insolvenz getrieben hätte. Heute, im Jahr 2017, ist der Konflikt gelöst und Musikvideos sind fast vollständig auch in Deutschland zu sehen. Aber das skrupellose Vorgehen einzelner “Big” Player im Musikgeschäft wird weiterhin betrieben, wie man an meinem oben geschilderten Fall erkennen kann. Als Musiker, der bei seiner Tätigkeit keine kommerziellen Interessen verfolgt, sehe ich den Tatsachen fassungslos ins Auge: Statt unbekannte Künstler zu unterstützen, blockieren die Plattenkonzerne die Kreativität des “kleinen Mannes”, drängen die zunehmend an Bedeutung gewinnenden Self-Publisher vom Markt.

Als ich klein war, lief im Radio noch die Musik, die den meisten Menschen gefiel. Es gab verschiedene Radiosender, die alle unterschiedliche Programme sendeten. Musiker wurden durch Kreativität und harte Arbeit erfolgreich. Heutzutage wiederholen die Radio-DJs alle halbe Stunde die immer gleichen Titel, für deren Ausstrahlung jede Menge Geld von den Plattenkonzernen fließt. Diese Medienriesen geben in allen Bereichen des Lebens vor, was die Menschen zu konsumieren haben. Überhaupt: Während früher Kindern nicht nur der Konsum sondern auch das Machen von Musik näher gebracht wurde, lernt heutzutage kaum noch ein Kind ein Musikinstrument. das obligatorische Blockflöten ist vielerorts aus dem Lehrplan der Grundschulen gewichen.

Ich bin der Meinung, dass mit dem Wegfall der musikalischen Bildung ein riesiges Stück Kultur verloren geht. Ein Mensch, der in der Lage ist, seine Gefühle in Musik auszudrücken, hat ein wesentlich reicheres Spektrum an Möglichkeiten, sowohl in schwierigen Lebenssituationen klarzukommen, als auch schöne Momente durch Musik noch schöner zu machen. Daher setze ich mich aus voller Überzeugung dafür ein, dass alle Menschen, egal ob jung oder alt, Musik nicht nur konsumieren, sondern aktiv produzieren – und selbst wenn sie nur unter der Dusche singen. Musik ist Leben und Leben ohne Musik ist für viele Menschen, mich inbegriffen, kaum denkbar.

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